Ingeborg Lüscher - Le Verre se Brise et les Cendres se Dispersent

Ingeborg Lüscher - Le Verre se Brise et les Cendres se Dispersent

15.04.2026 - 17.06.2026

15.04.2026 - 17.06.2026

INGEBORG LÜSCHER: Das Glas zerspringt und Asche streut sich aus "Das Glas zerspringt und Asche streut sich aus" kann heute zurecht als Metapher für das Werk der deutsch-schweizerischen Künstlerin Ingeborg Lüscher (*22.06.1936) gelten, die aktuell in der gleichnamigen Einzelausstellung der Galerie Bastian in Paris zu sehen ist. Zugleich gibt der Ausstellungstitel den Blick frei auf ihr Leben oder auch auf das Leben im Allgemeinen. Das Glas als Metapher für Zerbrechlichkeit, die verstreute Asche als Symbol des Verbrannten und Vergangenen und dabei mit dem Fingerzeig auf Abschied, Endgültigkeit und Trauer. Dabei nimmt sich der von der Künstlerin gewählte Titel eher wie ein literarisches Zitat oder eine Szene aus einem poetischen Werk aus. Geht es doch um das Werk der Künstlerin, könnte man den gegenwärtigen Moment ihres Lebensabend nicht besser beschreiben, als das bildhaft eine Illusion zerstört wird oder eine Erinnerung durch Asche aus einem zerbrechlichen Behälter durch Glas freigesetzt wird. Eine Analogie auf ein fast 90 Jahre andauerndes Leben und ebenso eine Ode an das Leben. Die in Sachsen geborene Ingeborg Lüscher lebt und arbeitet in einem von Bergen umgebenen Tal im Tessin. Nach einer zunächst frühen Schauspiel- und Filmkarriere kam sie Ende der 1960er Jahre zur bildenden Kunst. Wie die Ausstellung in der Galerie Bastian mit rund 40 Arbeiten in einem Rückblick von 1968 bis in die 2010er Jahre im Marais zeigt, bedeutet für Lüscher das künstlerische Arbeiten im Spannungsfeld zwischen Autobiographie und Alchemie ein ständiges Suchen nach neuen Ausdrucksformen und damit auch nach unterschiedlichem Materialvokabular. Es sind die ausrangierten Objekte oder Reste, wie auch bei den über lange Zeit freundschaftlich verbundenen Künstlern Joseph Beuys und Daniel Spoerri, die Lüscher als Spuren gelebten Lebens interessieren und denen sie als Kunstwerk eine neue Identität stiftet. Neben Skulpturen, Fotos, Malereien und Installationen bietet die Ausstellung für den Betrachter einen umfassenden Bick auf ihr Werk aus mehr als 50 Jahren mit Einflüssen aus künstlerischen Strömungen wie Fluxus, den Neuen Realisten bis hin zur arte povera. Im Jahr 1968 waren es zunächst ihre Wandobjektkästen Inboxen mit dem Anschein von roter bis blauer und verruster Optik, bei denen Lüscher mit einem Schweißbrenner das Material Polysterol wie in einem alchemistischen Prozess transformierte, um Veränderungsprozesse sichtbar zu machen. Ganz nach der Ballade Bertold Brechts: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch 'nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“ Und so setzte sie ihre Arbeit im Werkblock der Zigarettenbilder und Objekte wie bei einem Stuhl mit Schuhen auf einem Podest hier im Kabinettraum im Untergeschoss mit den sogenannten Verstummelungen fort. Im Rückgriff auf abgebrannte Zigaretten-Stummel als Reste und Relikte ihres Rauchens und in der Analogie von tabakgefüllten Sargnägeln sah sie darin ein “Abbild gerauchter Zeit als gelebtes Leben”. In Folge dessen war ihre Feuerperformance von 1971, die gegenwärtig in ihrer Einzelausstellung Flammes (26. März bis 26 Juli 2026) im Pariser Centre Culturel Suisse (CCS) umfassend gewürdigt wird, nur konsequent. Mit einem Feuerschutzanzug entzündete sie damals während Musik von Karlheinz Stockhausen eine Säule aus Styropor und machte einmal mehr deutlich, dass Transformation das wesentliche Axiom ihrer Werke ist, weil ihre Werke sich auf das Werden aus dem Vergehen beziehen und durch Veränderungen von Materialien im zeitlich-räumlichen Ablauf Gestalt annehmen, um spirituelle Energie verströmen zu können. Aber auch der Aspekt der Asche als Resultat innerer Glut, dass unmittelbar mit dem unbeständig lodernden Element Feuer verbunden ist, interessierte die Künstlerin Zeit ihres Lebens. Und so wurde seit Beginn der 1980er Jahre die Asche für Lüscher zur Bildmetapher für Dunkelheit als Ausdruck einer inneren Einkehr, aber auch um dem Schwarz Körperlichkeit zu verleihen, gepaart mit dem hellgelben Schwefel als Leitbild von Licht. Das Komplementär entwickelte sich zunächst durch leuchtend, schwefelgetränkte Schachteln, die hier dem Betrachter beim Betreten der Galerie auf einem Tisch versammelt begegnen und die später zu den großen im Untergeschoss gezeigten Leinwandformaten führten, in denen sich Asche und Schwefel schematisch in großformatigen Tafeln gegensätzlich durchdringen, vergleichbar mit zentralen Themen wie Geburt oder Liebe und Tod oder auch Sicht- und Unsichtbarkeit. Minimalistisch abstrakte Kunst konzeptuell aufbereitet, aber jenseits des Realen. Und doch ein reizvolles Wechselspiel. Die Lust am menschlichen Abbild brachte Ingeborg Lüscher noch vor dem Beginn ihrer Malerei Anfang der 1980er Jahre, wie unter anderem bei den drei großformatigen Drip paintings auf Packpapier, zur Fotografie. Waren es 1975 noch fotografische Serien zu ihrer Tochter Una, fotografierte Ingeborg Lüscher ihr Spiegelbild in ihrer Arbeit “re ~” von 1979/80 und versetzte sich mittels diverser Kopfbedeckungen dabei in ein vergangenes Zeitalter. Ein Dutzend der solarisierten Aufnahmen wählte sie aus und diese befinden sich in der Ausstellung exponiert gegenüber dem Eingang an einer großen Wand im Kreis montiert wieder, wobei das zeitgenössische Abbild in Anspielung auf die Reinkarnation über den anderen Porträts hängt. Ein weiterer ausgestellter Foto-Werkblock zeigt Hautpartien, die sich wie abstrakte Landschaften ausbreiten und über die menschlichen Tiefen der Künstlerin erzählen, ebenso wie die "Fliegenden Wasser" ihres Werkblocks "Die Quelle" (1995) durch die Luft wabernde Urinstrahle als Spur des Daseins zeigen und als Inkubator neuen Lebens zu lesen sind oder das Heim der Krebse (1998) als Serie mit 46 Fotografien, mit denen Lüscher den Energieströmen von Tieren nachspürt. Nach den zuletzt in der Galerie Bastian Paris gezeigten Zauberer-Fotos (ab 1976 bis heute) als Versuch eines Gesamtportraits durch mehr als 500 Portraits überwiegend bedeutender Persönlichkeiten aus dem Kunst- und Kulturbetrieb wie Andy Warhol, Ai Weiwei, Lawrence Weiner, James Lee Byars oder Richard Serra beleuchtet die jetzige Ausstellung sämtliche Werkphasen der Künstlerin. Neben einer zweiten Einzelausstellung im CCS Paris ist Ingeborg Lüscher derzeit zudem in der institutionellen Gruppenausstellung FORBIDDEN COLOURS bei FORMA (April bis Juni 2026) in Paris mit Schlüsselwerken wie einer mehrteiligen Großskulptur und einem großformatigen Triptychon im Dialog mit unter anderem Werken von Heidi Bucher, Carlotta Ikeda, On Kawara, Yves Klein, Ana Mendieta, Fausto Melotti und Nicolas de Staël zu sehen. Das Glas zerspringt und Asche streut sich aus - Eine Ausstellung wie ein Vermächtnis, kuratiert von Sebastian C. Strenger.

Ausstellungsdaten

15.04.2026 - 17.06.2026

Adresse

BASTIAN Paris 5 Rue Payenne 75003 Paris France

Ausstellungsansichten

Ausstellungsansichten

© 2026 Galerie Bastian.

© 2026 Galerie Bastian.