
»Jeff Koons & Cy Twombly: Primal Gestures« bringt zwei Giganten der Nachkriegskunst in einer höchst ungewöhnlichen Gegenüberstellung zusammen. Die Ausstellung hebt zwei scheinbar gegensätzliche Praktiken hervor: Twomblys reiches visuelles Vokabular aus Setzungen und gestischer Abstraktion trifft auf den reduktiven Charakter von Koons’ maschinell gefertigten Arbeiten. Zugleich werden unterschwellige Elemente sichtbar, die eine Gemeinsamkeit nahelegen, die vielleicht weniger eindeutig ist, als sie zunächst erscheint.
Der Titel der Ausstellung geht auf Koons’ monumentales Gemälde »Primal Swish« zurück. Das zwischen 2008 und 2011 entstandene Werk zeigt eine vielschichtige Explosion energiegeladener Wirbel, deren Dynamik mit der Ruhe und dreidimensionalen Anziehungskraft einer Rose kollidiert. Zugleich liegt in Koons’ expressionistisch wirkenden linearen Pinselzügen eine irritierende Präzision, die den Betrachter in eine an Twombly erinnernde Dichte geschichteter Gesten hineinzieht. Ohne emotionalen Charakter und natürliche Flüssigkeit wurden diese täuschenden Wirbel und Schriftzüge tatsächlich mit Photoshop vergrößert, bearbeitet und geschichtet und anschließend akribisch auf Leinwand übertragen, um eine exakte Reproduktion zu erzielen. Koons schreibt: „They are fake gestures… – they make reference to gestures. A gesture can be an intellectual gesture, it doesn’t have to be physical.“ Hier richtet Koons den Blick auf eine minutiöse Hingabe an die Mechanik der Wirklichkeit und untersucht die chamäleonartige Dynamik zwischen dem Physischen und dem Psychologischen.
Daneben ist Cy Twomblys »Untitled«, eine Folge von sechs 1971 entstandenen Lithografien, zu sehen. Die Serie entstand aus dem Wunsch des Künstlers nach einer expressiveren Form der Geste. Durch die direkte Arbeit auf den Lithosteinen konnte Twombly einen unmittelbareren Prozess der Setzung entwickeln und eine neue Schrift hervorbringen, die direkt vom Verhältnis zwischen Kreide und Stein, Tinte und Papier spricht. Die Serie gilt als Höhepunkt von Twomblys druckgrafischem Schaffen und bündelt seine Faszination für rohe gestische Setzungen in einer Melodie aus schweren Impasto-Schlingen, scharfen Kratzern und hektisch skizzierten Spiralen.
Zwei weitere Arbeiten von Koons stammen aus der Serie »Gazing Ball«, in der der Künstler unmittelbar auf kanonische Kunstwerke Bezug nimmt. In jedem Bild reflektiert eine verspiegelte, scheinbar dreidimensionale, mundgeblasene blaue Glaskugel ihre Umgebung. Bei genauerer Betrachtung bleibt die Oberfläche jedoch entschieden zweidimensional und fordert den Betrachter dazu auf, ein weiteres raffiniertes Wechselspiel zwischen Fakt und Fiktion zu untersuchen.
Wie viele seiner Werke reaktiviert und intensiviert die Serie »Gazing Ball« vertraute Szenen aus Legende und Alltag und spiegelt und bestätigt dabei die Betrachter und ihre Umgebung. Cy Twombly entwickelte ein gestisches Vokabular, in dem jede Linie und jede Farbe mit Energie, Spiritualität und Bedeutung aufgeladen ist. Seine Werke sind zugleich persönlich und mythologisch und lassen Erzählung, Sprache und innere Bilder aus seinen intimen abstrakten Notationen hervorbrechen. Ebenfalls Teil der Ausstellung ist Twomblys »Five Greek Poets and a Philosopher«, eine Folge, die die tiefe Hinwendung des Künstlers zur antiken Kultur verdeutlicht. Scharfe, gestische Großbuchstaben lassen die Namen lateinischer Dichter und griechischer Philosophen hervortreten, als wären sie auf Steintafeln gekritzelt.
Die Ausstellung lädt den Betrachter dazu ein, die Politik von Prozess und Präsentation zu entschlüsseln und sowohl in der hyperrealen Reproduktion als auch in der fiebrigen Gewalt ursprünglicher Gesten einen Wert zu erkennen.
Ausstellungsdaten
12.10.2021 - 18.12.2021
Ausstellungsansichten
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